Horst Bartnig (1936-2025)

1936 geboren am 15. november in militsch/schlesien

1954–57 fachschule für angewandte kunst, magdeburg

1964 erste konstruktiv-konkrete arbeiten

1972 beginn des interesses an variablen systemen als motiv der kunst

1979 erste computergrafiken in kooperation mit einem computerteam des zentralinstituts für informatik und rechentechnik, berlin-adlershof

seit 1984 unterbrechungen 1987 erste begegnung mit max bill in weimar und in zumikon/zürich sowie mit richard paul lohse in zürich

1993 mitglied des deutschen künstlerbundes und will-grohmann-preis der akademie der künste berlin-brandenburg

2001 hannah-höch-preis 2001, berlin

2025 in berlin verstorben

Eine Auswahl der verfügbaren Drucke, Bilder und Objekte finden Sie unten.
Darüber hinaus sind wir für weitere Arbeiten ansprechbar.

News


Horst Bartnig war schon im Osten ein Meister des malerischen Deklinierens

19.04.2025

Zum Tod des Berliner Computer-Künstlers, Hannah-Höch-Preisträgers und deutschen „Konkrete Kunst“-Protagonisten Horst Bartnig.

Ingeborg Ruthe

19.04.2025 14:30 Uhr

Horst Bartnig (1936-2025) vor seinen „Atomquadraten“, „Molekülquadraten“, „Kristallquadraten“, 2020, im Zuse-Computer-Museum in Hoyerswerda.

ZCOM Zuse-Computer-Museum Hoyerswerda

Seit zwei Jahren blieb der Neujahrsgruß aus: keine Farb-Chiffren auf feinstem Bütten, kein liebevoll verpackter Gruß mit Sonderbriefmarke in den Briefkästen seiner Kollegen, Freunde, Sammler, Nachbarn und Ärzte mehr. Horst Bartnig war schwer erkrankt, und seine Galeristin Hilde Gräfe und seine Sozialbetreuerin sorgten dafür, dass der einsam lebende alte Maler und Computergrafiker einen Pflegeplatz bekam. Am Karfreitag kam die Nachricht von seinem Tod: Er war bereits am 14. April im Alter von 88 Jahren an einer Lungenentzündung in einer Berliner Klinik gestorben.

Bartnig zählte zu den wichtigsten – zumeist miteinander vernetzten – Vertretern der „Konkreten Kunst“ in Deutschland. Innerhalb dieser speziellen Disziplin zeichnete sich unter anderem dadurch aus, dass er einmal konzipierte Serien in allen Deklinationen ausarbeitete. So entstanden Serien mit bis zu 3622 Variationen eines einzigen Themas. Seine „Atomquadrate“, „Molekülquadrate“, „Kristallquadrate“ gingen in die Geschichte der Konkreten Kunst ein. Sie machten den kleinen, kauzig wirkenden Mann mit langem Fusselbart, Hosenträgern, Fliege um den karierten Hemdkragen zu einem in der DDR-Kunstszene respektieren, von der breiten Masse freilich unverstandenen „Exoten“. Aber selbstbewusst sah er sich durch die Lektüre der Programmschrift von Kasimir Malewitschs „Die gegenstandslose Welt“ bestätigt, seinen Weg kompromisslos zu gehen.

In der DDR-Kunst ein „Exot“, nach dem Mauerfall hoch geehrt

Da die DDR-Kunstpolitik auf erzählerische Malerei und auf Menschenbilder fixiert war, liefen Bartnigs auf dem Prinzip von System und Variation in Form und Farbe, auf grafische Algorithmen und einer geometrischen Formensprache beruhende Bildfindungen sowieso „unter dem Radar“ der Kunstdogmatiker. Seine künstlerische Intention, das Zufällige aus dem Zeichenprozess zu eliminieren und eine Malerei, die formal und farblich das Resultat mathematischer Entwicklungsreihen und deren Variationen ist, konnte gedeihen, umso mehr er seit mit Computern arbeitete, also seinem analogen Malen mit Acryl auf Leinwand Computerzeichnungen zugrunde liegen. Seit 1974 tüftelte Bartnig mit dem Physiker Reinhard Koch am Zentralinstituts für Kernforschung Rossendorf zusammen. Das betraf insbesondere Aufgabenstellungen der abzählenden Kombinatorik, Fragen zu geometrischen Symmetrien und zur Gruppentheorie.

Farben-Geometrie: Horst Bartnig noch 2020 in seinem Adlershofer Atelier.

Hans Wunderlich

Horst Bartnig, der in den 1950er Jahren an der Kunstschule Magdeburg Bühnenmalerei studiert hatte, fand Wege, Farben in ihrem Zusammenspiel überraschend neu zu entdecken, und die Bandbreite der optischen Wirkung einzelner Bilder je nach Distanz und Winkel des Betrachters zu maximieren. Dies war auch möglich durch seine Kooperation mit Wissenschaftlern vom Zentralinstitut für Informatik und Rechentechnik Adlershof. Dafür bekam er 1984 den Preis der 7. Norwegischen Grafikbiennale in Frederikstad. Drei Jahre später begegnete er dem alten Schweizer Bauhauskünstler und Op-Artisten Max Bill und stand bis zu dessen Tod 1994 im intensiven Austausch

Nach dem Ende der DDR,1993 im wieder vereinten Berlin, wurde Horst Bartnig mit dem Will-Grohmann-Preis der Akademie der Künste Berlin geehrt, 2001 mit dem Hannah-Höch-Preis. Seine Werke sind unter anderem in der Berlinischen Galerie, der Nationalgalerie Berlin, dem Josef Albers Museum in Bottrop, dem ifa-Kunstfonds, dem Kunstmuseum Stuttgart sowie dem Museum für Konstruktive und Konkrete Kunst in Zürich vertreten. Dass die Neue Nationalgalerie seine „Konkrete Kunst“ nicht mehr als Geheimtipp „aus dem Osten“, sondern auf Augenhöhe mit Weltkunst-Werken von Bridget Riley und Max Bill zeigte, hat ihn beglückt. Vielleicht „dekliniert“ er mit ihm ja an einem Zeichentisch oder einem Computer im Künstlerhimmel weiter.

Ingeborg Ruthe

Redakteurin Kultur

Berliner Zeitung | Berliner Kurier

Berliner Maler Horst Bartnig wird 80 : Geometrie der Farben

15.11.2016

im Tagesspiegel

Begegnung mit einem Meister der konkreten Kunst: Gleich drei Ausstellungen würdigen den Maler Horst Bartnig zu seinem 80. Geburtstag.

von

Streifen, endlos und in wechselnden Farben wie Papierschlangen aus dem Aktenvernichter. Leuchtende Rechtecke, die ein Raster auf schwarzem Grund formen. Daneben ein Bild mit gemaserten Klötzchen aus Holz, geometrisch geschichtet und in immer neuen Spielarten arrangiert: Horst Bartnig muss ein aufgeräumter Mann sein. Vielleicht sogar ein strenger Mensch, weil Unordnung in seinem künstlerischen Lebenswerk nicht denkbar ist. Bei Bartnig scheint alles am Platz, er ist ein Musterschüler der konkreten Kunst.

Einer, der heute seinen 80. Geburtstag feiert. Gleich drei Ausstellungen ehren den gebürtigen Schlesier, der seit 1959 in Berlin lebt. Sein Atelier in Adlershof, sonst voller Bilder, von denen einige wie Vorhänge von der Decke hängen, ist völlig leergeräumt. Dennoch vermisst man eine institutionelle Schau für Bartnig, der unter anderem 1993 den Will-Grohmann-Preis erhielt und acht Jahre später den Hannah-Höch-Preis. Wer mehr über seine Kunst erfahren will, der muss entweder nach Greifswald fahren, wo ihm die Galerie Schwarz ab diesem Dienstag mit einer Ausstellung gratuliert. Zur Achim Freyer Stiftung in Berlin-Lichterfelde, die am Wochenende die Retrospektive „konkret“ eröffnet. Oder zu Gräfe Art-Concept in der Kollwitzstraße: Dort ist schon jetzt ein schöner Querschnitt von Bartnigs Schaffen zu sehen.

Stoffbeutel zum schwarzen Anzug

Hierhin kommt der Maler zum Treffen. Im schwarzen Anzug und mit einem dunklen Stoffbeutel an der Hand. Wie zum Kontrast hat er sich eine vielfarbige Krawatte umgebunden, deren Muster den geometrischen Motiven seiner Kunst ähnelt. Das Stück Stoff versteckt sich allerdings ein wenig unter seinem langen Bart. Bartnig lächelt dazu und meint, das sei bei ihm wie mit Dessous: Die trage man ja auch verborgen. Der Mann hat also Humor, streng ist allein seine Kunst.

Der Weg in den Algorithmus war lang und mit Experimenten gepflastert. In den fünfziger Jahren studiert Bartnig in Magdeburg an der Fachschule für angewandte Kunst. Für die Bühnenmalerei, die ihn später an das Deutsche Theater Berlin und das Berliner Ensemble bringt, wird er im Zeichnen nach der Natur unterrichtet. Was ihn bald daran stört, ist die persönliche Handschrift. Dieser Fokus auf den Künstler als kreatives Genie. Zu effektvoll scheint ihm ein wiedererkennbarer Stil. Der muss weg, ist Bartnig sich sicher. Er weiß bloß noch nicht wie. Deshalb zeichnet er, der Rechtshänder, zwischendurch immer wieder mit der linken Hand – als Übung gegen zu viel Virtuosität.

Hinzu kommt sein Interesse an der konkreten Kunst, die ihren Ursprung in den zwanziger Jahren hat. Sie verstand sich als Antithese zur damals dominierenden Abstraktion, die Motive der Realität verfremdete. Erst impressionistisch, dann expressionistisch, schließlich kubistisch. Konkret arbeitende Künstler schöpften dagegen aus der nicht sichtbaren Welt des Rationalen und Mathematischen. Auch Bartnig fasziniert die Materialisierung von Bildern, die er „zuvor im Kopf“ hat. Entwickelt aus Algorithmen, überführt in Rhythmus und Variation. „Ich benutze Zahlen wie Pinsel und Malerei“, erklärt der Künstler. Die Hand ist da nur ein weiteres Instrument, das die Motive aus dem Kopf möglichst sachlich und direkt auf die Leinwand bringt.

Wie viel Poesie sie dennoch verströmen, zeigen die Arbeiten um ihn herum in der Galerie. Gemälde mit Farbstreifen und hellen Flächen, die sich wie „Relationen“ zu Dreiecken arrangieren. Oder „60 unterbrechungen quadratisch in schwarz streifen in 5 farben“ von 2014 – ein Werk, das sich im Titel selbst erklärt und doch optisch viel mehr fasziniert, als es die strikte Bauanleitung nahelegt. Hier hängt auch eine Arbeit aus den späten Sechzigern. Ein unverkäufliches Objekt aus lauter immer größer werdenden Holzscheiben, abwechselnd schwarz und weiß eingefärbt und drehbar um den Mittelpunkt, an dem sie fixiert sind. Bartnig spielt kurz an den Elementen und kreiert so ein neues Bild. Es passt zu seiner Serie „1044 variationen“ von 1975, die ein einfaches Muster in vierfacher Ausführung so oft wie möglich kombiniert und damit über tausend Ansichten erzeugt.

Verliebt in die Mathematik

Wenn es um das Potenzial von Zahlen geht, wird Bartnig springlebendig. Dann durchquert er die Räume mit wenigen Schritten, zeigt auf eine geometrische Malerei und beginnt zu rechnen. „72 unterbrechungen in türkis striche in ocker", das quadratische Format hat er vor zwanzig Jahren geschaffen und weiß immer noch sofort, welche Formel ihm zugrunde lag. Man muss es sich vorstellen wie einen endlosen Streifen, den Bartnig an einer Stelle locht. Die Reste teilt er in Gedanken immer wieder in zwei Hälften und konstruiert so auf der Leinwand Oberflächen mit einer faszinierenden Gesetzmäßigkeit. Fast automatisch lässt sich aus diesen Streifenbildern Bartnigs Faszination für Rechner lesen. Für komplexe Berechnungen von Bildfolgen arbeitete er ab 1972 mit einem Physiker des Zentralinstituts für Kernforschung Rossendorf bei Dresden zusammen, ab 1979 hatte er Zugang zu den sowjetischen Großrechenanlagen in Berlin-Adlershof.

Seine Malerei war damals in privaten Ausstellungen und Galerien zu sehen, Bartnigs Beruf jedoch die Theatermalerei. Den Regisseur und Bühnenbildner Achim Freyer kennt er aus dieser Zeit. Freyer machte den jungen Künstler auch auf den konstruktivistischen Maler Hermann Glöckner aufmerksam, der eine Generation älter und in der DDR lange unterschätzt war. Im Katalog, der die drei aktuellen Ausstellungen begleitet, ist ein Bild von 1974 abgedruckt, das Bartnig mit Glöckner zeigt. Von Ersterem sieht man bloß Stirn und Augen, den Rest des Gesichts und einen Teil vom Anzug bedeckt ein langer Bart. Der Künstler bleibt seinen Prinzipien treu.

Gräfe Art-Concept, Kollwitzstr. 72, bis 14.1., Mi-Fr 15-19 Uhr, Sa 13-18 Uhr; Achim Freyer Stiftung, Kadettenweg 53, Eröffnung 20.11., 17 Uhr, bis 26.3., So 15-18 Uhr

Farbe und Form für das befreite Nichts - Berliner Zeitung

15.11.2016

Kontraste, wohin das Auge blickt - neues deutschland

15.11.2016

Der konkrete Grafiker und Maler Host Bartnig wird 80

Horst Bartnig, seit gut fünf Jahrzehnten in Berlin ansässig, gehörte zu den wenigen in DDR-Zeiten ignorierten Konkreten, die erst nach der »Wende« internationale Resonanz erfahren haben. Der Künstler, Hannah- Höch-Preisträger, ist ein Monomane, der eigentlich nur zwei Themen bearbeitet: »Variable Systeme« und »Unterbrechungen«. Die »Unterbrechungen« basieren auf dem grafischen Element der Linie, die schwarz, aber auch farbig, in regelmäßiger vertikaler Anordnung die Bildflächen füllt. In einem bestimmten Rhythmus werden diese Vertikalen durch Pausen »unterbrochen«. Wenn sich Bartnig bis auf sechs Farben festlegt, kommt er bis auf 60 Unterbrechungen.

Man kann zudem schwarze Unterbrechungen mit weißen Strichen und weiße Unterbrechungen mit schwarzen Strichen vornehmen. »Die Unterbrechungen sind wie Pausen in der Musik«, so Bartnig, wie das zeitweilige Schweigen der Stimmen. Durch den visuellen Effekt der Farb- und Formvibration werden Abläufe erkennbar, das Spiel des immer wieder Gleichen und der permanenten Veränderung, des Sich-Lösens und Wieder- Zusammenfindens, des Aufsteigens und Abfallens, des An- und Abschwellens der Tonwerte.

Für den einen Betrachter mag sich daraus die Assoziation Tanz ergeben, für den anderen die von Turbulenzen. Aber man könnte ebenso gut auch an Körperschläge, an Lebensimpulse denken. Bartnigs Kunst kommt aus keiner Geste, keinem psychischen Diktat, keinem Rausch, sondern aus einem Denk- und Meditationsprozess, der ihn in der Linie und Farbe das Gleichnis zum Leben, zum Schicksal und deren Verflechtungen sehen lässt.

Ausgehend von dem gestalterischen Grundelement der »Unterbrechungen«, der vertikalen Linie, die nebeneinander gereiht und dabei an mehreren Stellen unterbrochen wird, hat Bartnig sein komplexes Bildsystem weiterentwickelt. Die Folge und Anzahl der Überlagerung hat er mit einem eigenständigen Farbcode für einzelne Linienfelder oder für einzelne Bildeinheiten bei Werkgruppen versehen. Je nach Anzahl der Unterbrechungen und Längen der Linien entstehen selbstständige Strukturen, die den Bildern eine vollkommen unterschiedliche Dynamik verleihen.

Die Kombination dieser Grundgesten der Reihungen, Parallelen, Serien, Wiederholungen, Deduktionen und anderer Möglichkeiten ist enorm: Unterbrechungen, Quadrate, Rechtecke, Streifen, Striche, Punkte in unterschiedlichen Farben auf unterschiedlichem Grund. Horizontale, kreuz-, wellen-, spiral- und zickzackförmige, mäanderhafte Bewegungsformen, die zugleich Denkformen sind - eine streng durchdachte Form, die den Zufall ausschließt.

Die Unterbrechungen verschieben sich ständig, sie durchkreuzen die geregelte Abfolge der Linien. Ein bewegtes Feld von Verdichtung und Auflösung, Aufsteigen und Abfallen, An- und Abschwellen der Tonwerte entsteht. Kontraste zwischen fester und fließender Form, zwischen Statik und Bewegung in Zeit und Raum. Dann aber steht auch wieder Reihung gegen Auflösung, Verharren gegen Bewegung, positive Form gegen negativen Grund.

Kontinuierlich verfolgt Bartnig seinen persönlichen Weg, der doch eingebunden ist in die großen Entwicklungslinien, welche sich in der Kunst vollziehen. Gleich drei Ausstellungen ehren ihn zum 80. Geburtstag, den er an diesem Dienstag feiert: Horst Bartnig - bewegung - veränderung - form - konkret (Galerie Gräfe art.concept, Kollwitzstr. 72, Prenzlauer Berg, bis 14. Januar), Horst Bartnig konkret - Malerei/Druckgrafik (Galerie Schwarz, Lange Str. 21, 17489 Greifswald, bis 21. Januar), Horst Bartnig: konkret - arbeiten aus den jahren 1960-2016 (Galerie im Kunsthaus der Achim Freyer Stiftung, Kadettenweg 53, Lichterfelde, 20. November bis 26. März; zur Ausstellung erscheint ein Katalog).