Robert Riehl

Um ein tadelloses Mitglied einer Schafherde sein zu können muss man vor allem ein Schaf sein

Warum eine Riehl-Ausstellung 30 Jahre nach seinem Tode?

Robert Riehl, eine große Begabung, ein komplizierter Mensch in schwieriger Nachkriegszeit. Auf der Suche nach Verwirklichung begegnet er Prof. Gustav Seitz. Prof. Seitz ist nach seinem Rauswurf von der Hochschule für bildende Künste in Westberlin an die Akademie der Künste in Ostberlin berufen worden.
1951 wird Robert Riehl, aus Westdeutschland kommend, Meisterschüler bei dem von ihm hoch verehrten Prof. Seitz, der dem jungen Mann eine ungewöhnliche Begabung zur Monumentalität bescheinigt. Einerseits Charme und Begabung und überschäumende Lebenslust, andererseits Exzesse, Großspurigkeit, Unzuverlässigkeit und Unwahrheiten führen 1953 zum de facto Rauswurf des Meisterschülers.
Zur gleichen Zeit erhält Riehl über die Staatliche Kommission für Kunstangelegenheiten, dem Vorläufer des Kulturministeriums, einen Großauftrag zur Schaffung von vier überlebensgroßen Plastiken für das geplante Th eater in Stalinstadt, heute Eisenhüttenstadt. Bei einer Begehung des Ateliers in Stalinstadt Anfang 1955 zur Abnahme des Arbeitszustandes der begonnenen Plastiken kommt es zum Eklat. Riehl wird die Aufgabe entzogen, als offizieller Grund wird der unzureichend herausgebildete “sozialistische Realismus” genannt. Vermutlich noch am gleichen Abend, nach einem überstürzten Abschied aus Fürstenberg/Stalinstadt, auf dem Wege nach Berlin wird er unverschuldet Opfer eines schweren Verkehrsunfalls, der nach monatelangem Krankenlager eine hochgradige Invalidität zur Folge hat und die Arbeit an monumentalen Plastiken kaum noch zuläßt.
1956 wohnt und arbeitet Riehl wieder in Berlin, ab 1968 hält er sich quasi ganzjährig in seinem Sommerhaus in Scaby / Friedersdorf bei Königswusterhausen auf. Von barocker Statur, lebt er sein Leben nach außen als wortgewaltiger trinkfreudiger Bohemien, finanziell gesichert - und sicher auch korrumpiert - durch eine hohe Invalidenrente, die allerdings Anfang der 60-ger Jahre wegen staatsfeindlichen Schwadronierens um ein Viertel gekürzt wird. Seit 1965 gibt es für ihn eine Reisesperre wegen Staatsverleumdung und Hetze. Eine geplante Inhaftierung kann1965/66 aus “technischen Gründen” nicht durchgeführt werden, da das die Enttarnung eines sogen. IM (inoffizieller Mitarbeiter der Stasi) bedingt hätte. Einer zweiten derartigen Aktion hat er sich durch sein Ableben entzogen.

Der “Maurer”, eine der vier konzipierten Skulpturen für Stalinstadt, wird erst 1960 in Beton gegossen und in einem Wohngebiet in Eisenhüttestadt als Beispiel der viel zitierten Synthese von Architektur und Kunst aufgestellt. Zur Zeit befi ndet er sich nach einer Restauration im Hof des Städtischen Museums der Stadt. Es ist heute nur zu vermuten, was die Funktionäre damals an dem Maurer gestört haben mag. Der Elan des jungen Mannes äußert sich eher als innerer Wert denn als zur Schau ge-tragener Aktivismus. Seinem Gesicht fehlt jener pathetische Ausdruck, der für viele damalige Darstellungen einer anpackenden sozialistischen Persönlichkeit typisch war.
Nach seinem Unfall gestaltet er vorrangig fi gürliche Kleinplastik und Portraits, die er großzügig weitergibt und sicher auch verkauft. Einige Großplastiken, die in Gips angelegt waren, sind unvollendet geblieben und dem Zahn der Zeit zum Opfer gefal-len. Erhaltene Fotographien dokumentieren einzelne dieser Entwürfe.
Die “Bewahrende”, eine überlebensgroße Plastik, ist erst nach seinem Tod, noch mit seinem Einverständnis, in Berlin-Johannisthal aufgestellt worden.Die Arbeit befindet sich jetzt im Städischen Museum in Eisenhüttenstadt.

Zufällig auf kleine Arbeiten von Robert Riehl gestoßen war rasch Begeisterung und Neugier auf mehr geweckt. Eine mühsame, aber erfolgreiche Suchaktion nahm ihren Anfang: ca. 50 plastische Objekte aus Keramik (Ton), Gips, Plastelin und Sandstein, sowie Zeichnungen und Fotos, sogar ein kleiner 8-mm-Film wurden bisher aufgefunden, zusammengetragen und grob erfasst. Einige Werke müssten dringend restauriert werden.
Eine gut gestaltete Ausstellung mit Katalog kann und soll das bisher - selbst seinen Kollegen - kaum bekannte Werk des Bildhauers Robert Riehl, einem breiten Publi-kum nahe bringen. Die von dem Schüler der Akademie erwartete “...Allee überlebensgroßer Figuren...” ist nicht realisiert worden, aber nicht alle seine wortgewaltigen plastischen Vorstellungen sind Phantasien geblieben...

Monumentalität ist nicht gleichzusetzen mit großen Formaten, und in der Kleinplastik des Robert Riehl zeigt sich eine interessante Monumentalität.
Robert Riehl, eine große Begabung, ein komplizierter Mensch ... 

(Dr. Hildegard Gräfe, Robert Riehl (1924-1976) aus dem Jahreskalender  Märkisch Oderland 2006)

Robert Riehl (1924-1976)

26.04.1924 geboren in Viernheim bei Mannheim
1930-38 Besuch der Volksschule in Viernheim
1938-40 Lehre als Maschinenschlosser in Mannheim bei Daimler-Benz
1941-43 mit 16 Jahren Studium an der Akademie der Künste in München als Schüler bei Prof. Thorak
1943-45 Soldat in Frankreich
1945-50 freier Bildhauer und Keramiker in seiner Heimatstadt Viernheim bei Mannheim
1951-53 Meisterschüler an der Akademie der Künste Berlin bei Prof. Gustav Seitz
1952  1. Preis im Wettbewerb für das Buchenwalddenkmal als Bildhauer der Jugendbrigade „Makarenko“ der Bauakademie, der Preis wird nicht realisiert.
1953  Auftrag  der Staatlichen Kommission für Kunstangelegenheiten  zur Schaffung von vier Großplastiken für Stalinstadt
1955  schwerer Verkehrsunfall mit  wiederholten monatelangem Krankenhausaufenthalten und zurückbleibender Invalidität Seit 1956  Arbeit als freier Bildhauer, vorrangig Gestaltung von Kleinplastik, monumentale Arbeiten sind aufgrund der Körperbehinderung nur bedingt möglich
1959   Ausstellung von 30 Portraitplastiken in der wirtschaftswissenschaftlichen Fakultät Humboldt-Universität Berlin, sowie im VEB Bergmann-Borsig, Berlin
1961   Ausstellungsbeteiligung in der von Fritz Cremer initiierten Ausstellung „Junge Kunst“, Berlin
Beteiligung an der Ausstellung „Plastik und Blumen“, Berlin-Treptow
1970  Ausstellung im Kulturhaus Johannes R. Becher, Berlin
1976 Robert Riehl erliegt  einem Krebsleiden