Solveig Bolduan

Die Kunst von Solveig K. Bolduan ist herausfordernd, expressiv, in geräuschvoller Farbigkeit die Plastiken, Malerei und Installationen. Ihre Welt ist stark, fast robust, aber empfindsam und großzügig. Sie ist sensibel und tolerant, setzt sich aber leidenschaftlich für ihre Überzeugungen ein – auch eine Prise spöttischer, ja witziger, Ironie fehlt nicht.

U.a. ist auch die Nähmaschine ein Arbeitsuntensil,

Materialien wie Moose, Hölzer, Stroh und Gras werden in Plastikhüllen zu Steppdecken oder Bildern vernäht. Überhaupt näht sie viele ihrer Skulpturen und gestaltet sie farbig. Krass, die lebensgroßen Tiere. Die zahlreichen Frauen mit Hunden werden beim Gassi gehen bereits von weitem als Bolduan-Wesen erkennbar. Augen, Nasen und Münder sprengen die Rahmen der Gesichtsflächen. In diesen Überzeichnungen, besser gesagt Überschnitzungen (denn meist sind es Arbeiten in Holz), gelingen ihr emotionale Ausdrücke in feinen Schattierungen.

Mit den "Bauwerken" – fantasievolle, filigrane, floral anmutende Gebäude mit Türmen, die wie Grashalme spitz nach dem Licht streben, durchlässig und sensitiv, wesenhaft jedenfalls – bewegt sich die Künstlerin auf ein feinsinniges Terrain.

1958 in Pritzwalk in Mecklenburg geboren, 

1978-1983 Studium an der Kunsthochschule Berlin Weißensee, Diplome in Bildhauerei und Keramik, 

seither freischaffend, 

rege Ausstellungstätigkeit im In- und Ausland,

mehrfach mit Preisen ausgezeichnet.

„Man trägt wieder Hund“ – Solveig Karen Bolduans Ausstellung in der Galerie Gräfe

Der Blick aus dem Atelier schweift über Wiesen, abgemähte Felder und verfängt am Waldrand. Der Horizont, das gebrochene Blau des Himmels, fügt eine weitere Vertikale in diese zufällige Komposition der Natur. Unwillkürlich zieht man eine Verbindung zwischen den großformatigen „Schichtenlandschaften“, die Solveig Karen Bolduan seit 2006 in der Stille und Abgeschiedenheit ihres großzügigen Studios schafft, und der Lausitzer Landschaft, die das Haus umgibt. Sie scheint alles zu strukturieren – das Fühlen, Denken und ebenso ein unverstelltes Sehen.Auch frühere Arbeiten zehren von diesem fruchtbaren Dialog. Solveig Karen Bolduan, 1958 in Pritzwalk geboren und an der Kunsthochschule Berlin Weißensee in den Disziplinen Bildhauerei und Keramik ausgebildet, realisierte große Landart-Projekte wie zur Europa-Biennale Niederlausitz, wo sie 1993 mit dem Hauptpreis ausgezeichnet wurde. Ihre „Post aus Brasilien“, siebzig Päckchen von der Größe länglicher Schuhkartons, füllte sie mit Naturmaterialien unterschiedlicher Beschaffenheit und Farben: Eine Installation, die im Rahmen ihres Stipendiums in Rio de Janeiro 1995 entstand. Doch ganz unabhängig davon, wo sich die Künstlerin aufhält: Die Beschäftigung mit dem Ort und seiner spezifischen Geschichte markiert jeden Beginn ihrer geistigen Auseinandersetzung. Bolduan reagiert auf die konkrete Situation mit der Verwendung von Holz, Heu, Schnee und Eis, getrockneten Pflanzen oder Erde. Den Winterfrost versuchte sie in den neunziger Jahren mit Netzen aus Bambus und Mull einzufangen, in der vom Kohlebergbau geprägten Lausitz nutzte sie von der Zeit gefärbte Holzbohlen zur Konstruktion monumentaler Tore, die die Landschaft rahmen und zugleich wie Zeitschleusen wirken. Im Schlesischen Museum zu Görlitz stand 2006 als Installation mitten im Raum ein Bett, in dessen transparente Kunststoffdecke getrocknete Blätter und Stroh gesteppt waren. Auf den Kissen prangte Dürers Hase, der das idyllische Ensemble mit dem Titel „Twilight“ schließlich auch ironisch auflud. Ein Zuviel an Heimeligkeit lauerte unter der warmen Decke, zwischen Erinnerungen und Sehnsüchte mischte sich ein sanftes Grauen vor dem Stillstand. Solveig Karen Bolduan verkörpert so ziemlich das Gegenteil jeder Bewegungslosigkeit. In der ehemaligen Scheune, die ihr als Wohnung und Werkstatt dient, wird der kreative Output vergangener Jahrzehnte zum lebendigen Abbild ihrer Vielseitigkeit. Alles, auch die Materialien früherer temporärer Werke, findet hier wieder zusammen, wird eingespeist in ein Werk multipler Perspektiven. Für Bolduan sind Ismen nebensächlich, Malerei und Skulptur stehen gleichberechtigt nebeneinander, genau wie Erzählendes und Abstrahiertes. Letzteres verkörpern etwa ihre Streifenbilder: Weit entfernt von der reinen Landschaftsdarstellung, deklinieren sie das Prinzip der Vertikale in sinnlichen, vielfarbigen Bildern. Ihre „Schichtenlandschaften“ wirken wie mal mehr, mal weniger ungegenständliche Konzentrate. Gesehenes ordnet sich zu parallelen Streifen und legt zugleich nahe, man befände sich selbst im Moment der Betrachtung in Bewegung. Weitere Ansichten in vorwiegend dunkeltonige Farben lassen an feuchte, sumpfige Auen oder Wasser denken, dessen rhythmisch bewegte Oberfläche grünblau durchwoben ist. Eine Stofflichkeit, die sich anderswo im Werk der Künstlerin noch klarer zeigt: Sie vernäht nicht bloß einen Teil ihrer Bilder, auch zahlreiche Skulpturen tragen eine weiche, von groben Stichen gezeichnete Haut. „Man trägt wieder Hund“ heißt die aktuelle Ausstellung von Solveig Karen Bolduan in der Berliner Galerie Gräfe. Genau wie eine Skulptur aus dem Jahr 2006, in der verschiedene Aspekte ihrer plastischen Arbeit zusammenkommen: das ebenso expressive wie stilisierte Äußere, die ungeglätteten Spuren der Bearbeitung, die Überzeichnung mimischer Details, deren Reduziertheit im eigentümlichen Gegensatz zur Tiefe des plastischen Ausdrucks steht. Vor allem Bolduans Frauenfiguren wirken zu gleichen Teilen stark und verletzlich, archaisch und dabei wie von der Künstlerin direkt aus der Gegenwart in eine zeitlose Formensprache gebannt. Ein Wesen wie die „Hausgöttin“ symbolisiert diese Vereinigung der Moderne mit uralter Mythologie – ins sich ruhend, eine zarte Aureole auf dem Haupt, präsent und dennoch nicht von dieser Welt. „Gut erzogen“, ebenfalls ein Exponat der Ausstellung, knüpft an einen anderen Erzählstrang im breiten Werk: Das Statische dieser Skulptur erinnert an Bolduans Doppelporträt „Leben ist kurz – Annegret und Hans Joachim 1938“. Ähnlich wie die – in Konventionen verfangene Gestalt von „Gut erzogen“ – wirken beide Figuren in ihren Gesten wie festgefroren und weit älter, als es das kurze Kleid des Mädchens oder die straff hochgezogenen Kniestrümpfe des Jungen vermuten lassen. Die Künstlerin hat die Geschwister einer Fotografie der 1930iger-Jahre entlehnt, und die Wucht der deutschen Geschichte zeichnet sich in ihren eben noch kindlichen, schon unendlich ernsten Mienen sichtbar ab. Beide Figuren sind farbig gefasst, doch weil Solveig Karen Bolduan auch die Gliedmaßen und zahlreiche Details der Kleidung schwarz konturiert, erzielt sie eine ähnlich haptische Qualität wie bei jenen Skulpturen, die tatsächlich aus Stoff gemacht sind.

(Christiane Meixner, Kunstwissenschaftler, 2021)

Presseschau

Neues Deutschland, Marion Pietrzok: Auf den Hund gekommen, 07.01.2021

Christiane Meixner: Man trägt wieder Hund, 2020

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